Die Jagd nach dem grünen Feuer

Bericht über ein romantisches Abenteuer
für Individualisten

von Günter Muskalla


Das Habachtal

Die alten Römer haben das einzigste Smaragdvorkommen Europas, im Habachtal der Hohen Tauern, wiederentdeckt. Schon in der Bronzezeit sollen hier Menschen nach dem grünen Gold geschürft haben. Immer faszinierte das grüne Feuer des Smaragds die Menschheit, welcher in lupenreiner Qualität als 'Habachtaler' dem Diamanten an Wert überlegen ist. Seinetwegen gab es in der Vergangenheit Kriege, Morde und Betrug. Kaiser Nero besass einen 'Habachtaler', der zu einem Monokel geschliffen, ihm bessere Sehschärfe verlieh.

Das Habachtal im Salzburger Land erreicht man normalerweise von Berlin aus in 10 bequemen Autostunden. Die einzelnen Etappen sind: Nürnberg - München - Kiefersfelden - Kufstein - Richtung Felbertauern - St. Johann - Kitzbühel - Pass Thurn - Mittersill. Dort thront auf einer Anhöhe das burgähnliche Schloss.

Eine internationale Studentengruppe bewirtschaftet alljährlich die Restauration und führt das Hotel. Von hier kann man das grossartige Panorama der Hohen Tauern geniessen.

In der Ortsmitte wechselt die Fahrtrichtung. Weiter nach Süden führt die Strasse zum Felbertauerntunnel, durch den man Venedig in 3 1/2 Stunden erreichen kann. Nach Westen, in Richtung Krimml (berühmte Wasserfälle) und Gerlospass, fährt man weiter, an der Salzach entlang, nach Bramberg am Wildkogel. Kurz hinter der Ortschaft weist ein Schild auf das Habachtal hin.

Verlässt man die Bundesstrasse und überquert die Salzach über eine Holzbrücke, führt eine holprige enge Strasse, nahe der Mündung des Habachs in die Salzach, zur 'Habachklause' am Eingang zum Habachtal.

Neben dem Gasthof steht auf einem Felsen eine kleine Kapelle. Darin befinden sich kostbare, alte Holzschnitzereien von 'Maria mit dem Kinde' und anderen Schutzheiligen. Die Kapelle ist dem 'hl. Thomas', dem Schutzpatron der Smaragdsucher, geweiht.

Die Habachklause selbst wird verwöhnten Ansprüchen gerecht. Angenehmen Aufenthalt bieten die rustikal eingerichteten Zimmer mit Bad und Balkon zu einem erstaunlich günstigen Preis. Die Speise- und Getränkekarte ist reichhaltig und die Kosten, für deutsche Verhältnisse, äusserst niedrig. Die jungen Wirtsleute, Familie Maier, freundlich und entgegenkommend, bewirtschaften nebenher eine kleine Landwirtschaft. Die Attraktion des Hauses ist der Gastraum, in dem ist eine Felswand intregiert, die mit grossen, edlen Mineral- Kristallstufen übersät ist.

Am Haus vorbei rauscht der Habach. Sportfischer haben hier Gelegenheit Wildforellen zu fangen. 200 Meter in das Tal wird der Habach gestaut, um mit der Wasserkraft dort das Kleinkraftwerk zur Stromerzeugung zu betreiben. Das überfliessende Wasser donnert als Wasserfall tosend talwärts.

Wer ein Zimmer in der Klause zum Taleingang hin bewohnt, kann die ersten Nächte nur bei geschlossenen Fenstern Ruhe finden. Doch bald hat man sich an das Getöse des Wasserfalls gewöhnt und man schläft dann auch bei geöffneten Fenstern besser als je zuvor.

Hier nimmt man nun Abschied von der Zivilisation. Findet man hier noch Teppichboden im Zimmer, Daunendecken, Bad, fliessend warmes Wasser und elektrisches Licht, so gibt es weiter oben in der 'Enzianhütte' oder 'Alpenrose' nur eiskaltes, kristallklares Bergquellwasser, Strohsack und Kerzenlicht. Teppiche findet man auf allen Bergwiesen. Es sind Teppiche aus Enzian, Almrosen und Edelweiss.

Wenn man kurz vor Sonnenaufgang durch das Geläut zahlreicher Kuhglocken geweckt wird, welche von den umliegenden Weiden herüber und von den am Berg gelegenen Almen herunter tönen, ein erfrischendes Wannenbad im blauen Bergwasser genommen und ausgiebig gefrühstückt hat, wird der Rucksack gepackt, die Kamera verstaut, das Waschsieb, die Schaufel, der Pickel und der Geologenhammer daran befestigt. Mit festen Bergstiefeln an den Füssen, den Trenkerhut auf dem Kopf, einem knotigen Bergstock in der Hand und dem geschultertem Rucksack, beginnt nun ein strapaziöses Abenteuer.

Hinter der schwankenden Holzbrücke über den Habach, neben der Klause, beginnt die erste Steigung.

Bis zum steinigen Wanderweg in das Tal müssen die ersten , sehr steilen, 20 Höhenmeter in Serpentinen überwunden werden. Das Herz klopft bereits hier schon heftiger und schneller. Der Ausgangspunkt, die 'Habachklause' liegt 867m üNN. Bis zum Einstieg zu den Smaragdfundstellen, hinter der 'Alpenrose' am Legbach, sind erst einmal 600 Meter Höhenunterschied, auf zirka 5 Kilometer Weglänge, zu überwinden.

Anfangs geht es durch den Wald mit riesigen Tannen. Hier schon findet der aufmerksame Sammler, links und rechts des Weges, im Geröll Mineralien. Ich selbst habe bei meinem ersten Aufstieg Bergkristall, Rauchquarz und einen grossen Citrin dort gefunden. Einfach so am Wegesrand.

Nach einer halben Stunden Aufstieg öffnet sich das Tal und man erblickt die herrliche Bergwelt. Eine Bank verführt zur ersten Rast. Der Blick fällt auf den 'Zwölfer-Kogel' (2282m) und dem 'Breitkopf' (2420m). Die Luft ist würzig und erfüllt vom Donnern des Windes in der Wand und vom Tosen des Habach in der Schlucht. Bei schönen Wetter sieht man Adler über den Bergspitzen kreisen.

Überall liegt hier Quarz- und Glimmergestein im Geröll. Eines Tages sah ich bei meiner Rast hier, neben der Holzbank, etwas in der Sonne glitzern. Ich entfernte die Erde von dem Bruchstück und holte meine Zeiss-Lupe hervor, ohne die ein Mineralienfan nicht auf Exkursion gehen sollte, und schaute mir das Gestein genauer an. Was für ein unglaubliches Glück, ich hatte, so per Zufall, eine Spur des sagenhaften Tauerngoldes gefunden. Beflügelt durch ein unbeschreibliches Glücksgefühl, fiel mir der weitere Aufstieg nicht mehr so schwer. Trotzdem hielt ich mich an die wichtige Akklimatisations-Regel: 30 Minuten Gehen - 10 Minuten Rast !

An den Felswänden, längs des Weges, stürzen ungezählte Wasserfälle von den schneebedeckten Gipfeln zu Tal. Einige Male, wenn der Weg direkt an einer Wand vorbei führt, wird dieser davon unterspült. Hindurch muss man. Meistens liegen grosse Steine, auf die man treten kann, darin. Aber ohne nasse Füsse geht das kaum ab. Danach heisst es Stiefel ausziehen, Füsse trocknen und Socken wechseln. Durchtrainierte Wanderer ignorieren das. Falls es nicht gerade regnet, in den Bergen schlägt das Wetter schnell um, sind die Füsse, nach einigen Minuten, durch die eigene Körperwärme wieder trocken. Das ist nichts für empfindsame Naturen und auch nur bei wärmeren Wetter angebracht. Manchmal liegen über den Steinen lose Holzbohlen. Aber wer ist schon so artistisch gewandt, um knapp einen Meter neben dem Abgrund über wackliges, glitschiges Holz zu balancieren. Wenn man Glück hat, dann war die Bergwacht bereits touristenfreundlich gestimmt und hat darüber eine provisorische Brücke gebaut. An diesen Stellen steckten schon viele Wanderer auf und kehrten um.

Hinzu kommt eine akute Lawinengefahr. Nach einem schneereichen Winter hängen, auch noch im Sommer, oben Schneebretter. Warnungs- und Sperrschilder weisen darauf hin. Diese Gefahrenstellen, etwa 200 Meter breit, muss man, mit dem Blick hoch zur Wand, schnell durchqueren. Zuweilen führt der Weg durch eine niedergegangene Lawine, durch die Bergwachtmänner eine Passage geschaufelt haben. Ein phänomenales Erlebnis.

Nach der ersten Hälfte des Weges, in 1100m Höhe, muss man über eine Holzbrücke gehen, die hoch über den Habach, von der rechten zur linken Seite führt. An einem schönen Tag, als ich wieder auf dem Weg zur 'Alpenrose' war, stand kurz davor, mitten auf dem Weg, eine Steinwildfamilie. Sie flohen nicht und als ich an ihnen vorbei war, schaute mir der Bock

noch eine ganze Weile hinterher.

Hinter der Brücke beginnt eigentlich erst das steilste Wegstück. Man benötigt zur Bewältigung nur 10 Minuten, aber meist braucht man zur Überwindung doch mehr Zeit, weil es oft nicht ohne eine Atempause abgeht.

Jetzt hat man weitere 150 Höhenmeter erstiegen. Und erreicht, bei 1250m ?NN, die Kramer-Alm, unterhalb des Schafkogel, einem Zweieinhalbtausender. Links am Wegesrand steht eine alte Madonnenstatue aus handgeschnitztem Lindenholz, von der einmal 'Rowdys' die Hände abgebrochen haben. Dahinter liegt ein riesiger Felsbrocken, an dessen Südseite eine Bank zum Rasten steht. Frisches Quellwasser ist schnell geschöpft und mundet köstlich. Mit Blick nach rechts, auf den 'Grossen Finagl' , dem 'Hundskirch', dem 'Breitfuss', dem 'Sonntagskopf ' und 'Kesselkarkopf', alles Giganten zwischen 2500 und 2800 Meter, kann man sich den ersten Gletscherbrand holen.

Jetzt ist der weitere Aufstieg nicht mehr so beschwerlich. Nach 20 Minuten erreicht man die 'Enzianhütte'. Für viele Wanderer ist es das Endziel. Man lässt sich den Hüttenstempel geben und trinkt wahlweise einen 'Pinzgauer Tee' oder Skiwasser, einem Getränk aus Himbeer- und Zitronensaft, verdünnt mit Quellwasser.

Wer hungrig ist kann hier auch das traditionelle Bergsteiger-Essen , 'Leberkäs`' mit 'Röstkartoffeln und Salat' zu sich nehmen. Bis hierher hat man schon seine Punkte für die Oberpinzgauer Wandernadel gemacht, die man in drei Klassen erwerben kann. Gold, Silber und Bronze. Ich selbst hatte den Ehrgeiz, bei meiner ersten Wanderung schon, die Punkte für die Nadel in Gold und den österreichischen 'Wanderschuh' zu erreichen. Damals war ich darauf mächtig stolz. Sie zieren noch heute meinen 'Tirolerhut'.

Von der 'Enzianhütte' aus ist es nicht mehr weit zur 'Alpenrose'. Nach 15 Minuten, in 1450 Meter Höhe, fällt der Blick auf ein überwältigendes Bergpanorama. Im Vordergrund die 'Alpenrose' dahinter die schneebedeckten Gipfel von 'Kratzenberg' und 'Schwarzkopf', welche ziemlich 3000 Meter hoch sind. Rechts daneben kann man den 'Plattiger Habsch', die 'Hohe Fürlegg', den 'Törlbirgkopf', die 'Gamsmutter' und die 'Habachspitze' erkennen. Die sind alle über 3000 Meter hoch.

Nach einer kurzen Rast, es ist bereits Mittag, packt einem das Jagdfieber. Man hörte ja, etwas höher wurden im Legbach legendäre Smaragde ausgewaschen. Warum sollte man sein Glück nicht bereits schon hier versuchen?

Wenn man vor Einbruch der Dunkelheit wieder unten in der 'Habachklause' sein will, dann bleibt keine Zeit für einen risikohaften Einstieg zu den Fundstellen in der 'Sedlalm' am 'Gleckbach', unterhalb des 'Nasenkopf' in 2000 Meter Höhe oder gar in der Nähe des ehemaligen Bergwerks in 2200 Meter Höhe. Dafür muss man erst das 'Berggehen' und 'Klettern' geübt haben.

Wenn man das kann, dann muss man im Morgengrauen von der Hütte aus in den Berg gehen. Ansonsten kann man bereits etwa 100 Meter über der 'Alpenrose', in 1500 bis 1600 Meter Höhe, im 'Legbach' fündig werden. Man muss nur im 'Blockfeld' aufsteigen und sich eine geeignete Stelle am Bach aussuchen, wo man einigermassen bequem schürfen kann.

Bei meiner ersten Exkursion überhaupt hatte ich keine Schürfausrüstung dabei. Es war Pfingsten, die Sonne schien wärmend und einige 'Stoannarrische' wuschen bereits im Bach. Ich beobachtete dort einen Herrn, dem man seiner Bekleidung und Ausrüstung ansah, dass er kein 'alter Hase' war. Nachdem ich seinem Treiben 10 Minuten lang zugesehen hatte, schrie dieser Herr unvermittelt auf und winkte seiner Begleiterin zu, die ein paar Meter davon entfernt auf einem Felsbrocken sass und sich sonnte. Ich ging zu ihnen hin und sah, dass sich in seinem Sieb ein flaschengrüner Kristall von etwa 3 x 12 Millimeter befand, lupenrein und unbeschädigt. Von da an war ich dem 'grünen Feuer' erlegen.

Wieder unten in der 'Habachklause' fragte ich sogleich den Wirt, ob ich im Ort Sieb und Schaufel leihen oder kaufen könne. Herr Maier dachte kurz nach und meinte, dass er vielleicht etwas dafür hätte. Am nächsten Morgen brachte er mir dann eine Kinderschaufel und einen Rahmen aus einer alten Tomatenkiste, der mit Fliegengaze bespannt war, an den Frühstückstisch. Primitiv zwar, aber für den Anfang ausreichend.

Ausserdem hatte das den Vorteil, dass ich daran nicht zu schwer tragen musste. Mit dieser 'Ausrüstung' habe ich dann, gleich am selben Tag, im 'Legbach' einige kleine Berg-, Sphen-, Phenakit-, Rauch- und Rosenquarzkristalle ausgewaschen.

Dabei habe ich auch das 'grüne Feuer' gefunden.

Zwar nur ein klitzekleines Bruchstück, aber immerhin ein 'Habachtaler Smaragd', mein Erster. Dieser hat noch heute einen Ehrenplatz in meiner Sammlung von Mineralien.

Im Sieb findet man auch häufig Spuren von Gold in hauchdünnen Blättchen. Es lohnt nicht danach gezielt zu suchen, die Fundmengen stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Der Hauptfundort, die ehemalige Mine in 2200 Meter Höhe, ist stillgelegt.

Sie ist schon vor dem zweiten Weltkrieg an einen Münchener Rechtsanwalt verkauft worden, nachdem in der Vergangenheit die Besitzer häufig wechselten. Im 19. Jahrhundert wurde das Gebiet hier genau erforscht und der Erfolg blieb nicht aus. Die gefundenen Smaragde waren von solcher Schönheit, dass man sie 1851 zur Weltausstellung nach London geschickt hat. Die ausgestellten Stücke begeisterten den Wiener Juwelier Goldschmidt so sehr, dass er beschloss die Fundstelle zu erwerben. Er liess in 2087 Meter Höhe das Knappenhaus, die sogenannte 'Goldschmidt-Hütte', errichten und Stollen in den smaragdführenden Glimmerschiefer treiben, der zwischen Amphibolit und Zentralgneis eingebettet liegt.

Bald wurde ein Smaragd gefunden, der nach dem Schliff noch 42 Karat wog und heute zum englischen Kronschatz gehört. Nach dem Tode Goldschmidts erwarben die Esmerald Mines Ltd., London, 1896 die Mine und betrieben sie bis 1913. Es war auf die beginnende Kriegsgefahr zurück zu führen, dass die Engländer die Mine stillegten. Bevor sie jedoch das Tal verliessen, sprengten sie jedoch die 'Smaragdbrust' zu. Bis heute hat diesen Ort niemand wieder entdeckt.

Im dritten Reich erwarb dann, wie bereits erwähnt, der Anwalt aus München die Mine und verpachtete sie weiter. Der jetzige Pächter schürft heute mit seinem Gehilfen dort oben in der Einsamkeit nach dem grünen Gold.

10 Prozent des Fundes darf er behalten. Der grössere Teil geht als Pachtzins nach München. Weil die über hundert Jahre alte 'Goldschmidt-Hütte' nicht mehr bewohnbar ist, hat sich der jetzige Pähter einen Wohnwagen mit dem Hubschrauber in den Fels fliegen lassen. Von dort aus bewacht er die verfallenen Stollen. Wöchentlich einmal kommt er in das Tal und beliefert die Gegend mit Sammlerstücken. Überall in der Gegend hängen in den Gaststuben Wandvitrinen, aus denen man Stufen und Einzelkristalle erwerben kann.

Man muss in die Augen offen halten und wenn der Wirt nicht allzuviel aufschlägt, kann man seinen 'Habachtaler' recht preisgünstig erstehen.

Ich habe in der Habachklause eine recht schöne Stufe mit mehreren Kristallen und einen grösseren Smaragd von 15 Karat, verhältnismässig billig erwerben können. Diesen hat mir ein Goldschmied eingefasst und ist jetzt mein 'Amulett', das ich mit einer Goldkette an meiner Brust trage. So etwas besitzt nicht jeder.

Lustig ist das Hüttenleben

Unter Gleichgesinnten und fröhlichen Menschen internationaler Herkunft, findet man leicht Anschluss und kann den sagenhaften Erzählungen der alten 'Stoannarrischen' in der 'Alpenrose' lauschen. Romantisch und gemütlich wird es dann, wenn das flammende Tannenholz im Ofen wärmt, den Gastraum, welchen man nur mit Hüttenschuhen oder auf Socken betreten darf, mit seinem kernigen Duft erfüllt und die Kerzen auf dem Tisch entzündet sind. Da macht mancher Doppelliter 'Roter' die Runde, insbesondere dann, wenn man fündig war ist das ein absolutes 'Muss'.

Die Gitarre wird von der Wand genommen und ein jeder bringt seinen 'Schnaderhüpferl' zum Vortrag. Hier ist man schon eine verschworene Gemeinschaft. Allerdings muss man auf jeden Komfort verzichten. Auf dem Zimmer ein alter, harter Strohsack im Feldbett, Waschschüssel und eiskaltes Quellwasser zum Rasieren in der Kanne, eine Kerze zum Zurechtfinden. Das Frühstück ist karg. Trockenes Graubrot mit Margarine, Marmelade und dünner Kaffee zu Preisen, die über denen der Habachklause liegen. Man ist der Zivilisation entronnen. Kein Telefon, keine Post, ausser man hat sein Handy dabei. Etwas für Idealisten. Man muss es auch hier sein. Das Klima ist rauh, das Wetter wechselhaft. Es schlägt häufig innerhalb weniger Minuten vollkommen um. Der azurblaue Himmel verschwindet im Nebel und grauen Regenwolken. Selbst im Sommer fallen gelegentlich Schneeflocken. Meisten aber verschwindet das schlechte Wetter genau so schnell wie es gekommen ist, jedoch kann es hier, wenn man Pech hat, acht Tage hintereinander, ununterbrochen regnen, blitzen und donnern. Das alles gehört aber zur wilden Bergromantik. Etwas für harte Typen. Jedoch wir 'Stoannarrischen' lassen uns durch nichts aufhalten.

Wenn man bei einem solchen 'Sauwetter' nicht in den Berg gehen will, studiert man bei einem 'Pinzgauer' (Tee mit 80%igem Strohrum) das Gästebuch. Es liest sich wie ein spannender Roman und berichtet über Freud` und Leid` der 'Strahler'. Man ist immer wieder erstaunt, wie nahe sie in den Bergen zusammen liegen; Himmel und Hölle, Glück und Verderben.

1957 wurde hier von einem Glückspilz ein prachtvoller Stein aus dem Bach am 'Sedl' gewaschen. Man nannte ihn den 'Stern vom Habachtal'.

Der Wert des Steins wurde damals auf eine halbe Million Deutsche Mark geschätzt. Dadurch setzte ein 'Run' in das Habachtal ein. Glücksritter und gewinnsüchtige Sammler machten das stille Tal zum 'Wilden Westen'. Sie schliefen auf Böden und Bänken der Hütten, unter freiem Himmel oder im 'Heustadl'. Alle wollten einen zweiten 'Millionenstein' finden. Mehr als einmal gab es unter Ihnen Streit um die Ausbeute. Doch bis heute wurde nie mehr wieder ein Fund in dieser Dimension hier gemacht.

Dem Finder des 'Stern vom Habachtal' brachte der Stein kein Glück. Er wurde schmählich von einem Wiener Edelsteinschleifer, dem er den Stein zu facettieren gab, betrogen. Er erhielt einen grossen und mehrere kleinere Steine zurück, die der Schleifer angeblich aus dem Rohstein herausgeholt hatte. Eine spätere Analyse ergab, dass die geschliffenen Steine aus grünem Glas bestanden. Es folgte ein Prozess von über zwei Jahren Dauer, der weit über die Grenzen Europa's hinaus Aufsehen erregte. Zum Schluss konnte man dem cleveren Schleifer nichts beweisen. Und somit wurde dieser freigesprochen. Später machte der betrogene Finder doch noch einen weiteren Fund am 'Sedl'. Es war auch ein Prachtstück, den Wert des ersten Fundes erreichte er aber nicht einmal annähernd.

Es gibt sie also noch,
die schönen, grünen Kristalle aus dem Habachtal.

Es ist ein herrliches Fleckchen Erde, das Tal, wo es das grüne Feuer gibt. Jeder der dort hinkommt wird von der Gilde der Smaragdsucher herzlich aufgenommen. Wenn man aber in der Absicht kommt, um reich zu werden, der sollte lieber unten bleiben und zum 'Steiner Lois' gehen und sich einen Habachtaler aus der Mine kaufen. Man erspart sich damit Strapazen und ─rger. Ich will damit nicht sagen, dass man heute im Habachtal keine wertvollen Steine mehr finden kann, nur die Chancen einen 'Millionenstein' zu finden, sind weit geringer als ein 'Sechser im Lotto'. Wer aber in das Habachtal fährt, um zu wandern und einige Tage in dieser herrlichen Bergwelt zu verbringen, der wird bestimmt nicht enttäuscht werden. Er kann auf einer Almwiese ein Sonnenbad nehmen und dabei das Pfeifen der Murmeltiere hören.

Hier kann man Edelweiss, Alpenrosen, Enzian, Alpenanemonen, Seidelbast, Arnika, Alpenveilchen, Türkenbund und sogar wilde Frauenschuh-Orchideen entdecken.

Man kann Steinwild und grosse Greifvögel beobachten, Mineralien suchen und dann in einer 'Jausenstation' eine zünftige Brotzeit mit hausgebackenem Brot, Käse und frisch gemolkener Milch halten. Vielleicht hat man etwas Glück, so wie ich, und findet einen Smaragd. Der schenkt einem dann allerdings mehr Freude als ein gekaufter Stein.

Bald hole ich sie wieder hervor, meine Bergstiefel, Hammer, Sieb, Schaufel, Rucksack und AUFI GEHT'S in das Habachtal.


Weiterführende Links:

Granat.at: Smaragd Habachtal
Smaragdbergbau im Habachtal [PDF-Datei!]
Smaragdfieber Das Habachtal - Ein Dorado für Edelsteinsammler
Tourismusverband Bramberg am Wildkogel
E-Mail an den Autor: Günter Muskalla


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